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im erwe-verlag Zürich

 

Texte heute on-line publizieren:  einfach, günstig, schnell 

 

 


 

Handkes „Versuch über den geglückten Tag“ (1994)

 

Diesen Text habe ich (erst) am 4.4.2017 gelesen. Schon der Autor machte sich skeptisch auf, dieses Phänomen zu erleben, den geglückten Tag. Es sei fast unmöglich, einen solchen zu erleben/zu definieren. Es wird dabei nicht so richtig klar, ob der Autor zu dieser Zeit allein lebt oder nicht. Das macht einen gewaltigen Unterschied. Allein lebend hätte man noch eher die Möglichkeit, auf die feinen Andeutungen zu achten, die die gemäss Handke ein geglückter Tag von sich geben würde. Für Autoren ist es vielleicht schon beim feinsinnigen Beschreiben der Umwelt möglich, Glücksgefühle zu erleben, in glücklichere Sphären vorzurücken.

Zu zweit könnte dies auch in gewissen Paarkonstellationen geschehen, in anderen nicht. Beim Lesen des Textes sagte ich mir, dass Handke wohl etwas gar zimperlich mit der Definition des „geglückten Tages“ umging. Aber das ist natürlich produktiv. Der Begriff könnte enger (oder weiter) gefasst, die zu beglückende Zeitspanne anders definiert werden. Also etwa „eine beglückende Zeit“, „glückliche Stunden“ oder „Glück und Zeit“. Dass wir aber zu oft scheitern, so etwas zu inszenieren, das ist für uns Menschen sonnenklar. Zu idealisiert ist die Vorgabe, ganz wenig genügt, um glückliche Phasen zu zerstören, zu viel Un-Gemaches dringt auf uns ein und hindert uns daran, einfach „Friede, Freude, Eierkuchen“ zu feiern.

Handke beschreibt so viele poetische, banale, schöne Momente, dass es ihm eigentlich durch eine einstweilige Verfügung verboten werden müsste zu behaupten, dass er nicht unendlich viele schöne Momente erlebt oder erlebt hat, auch wenn viele dieser Augen-Blicke vielleicht nicht ausgereicht haben, in seiner Sicht ihre jeweiligen Tage zu geglückten zu machen. Er gibt am Schluss seines Versuchs an, den geglückten Tag bewusst gemacht, also quasi hergestellt zu haben und dass ein solcher nur als Traum zu verstehen oder erklären sei.

 

4.4.2017

 


 

 

Puaj (Pfui) Espana y Suiza: FREE NEKANE!

 

Es ist unglaublich: in erster Instanz wurde das Auslieferungsbegehren des spanischen Staates an die Schweiz am 20. März positiv beantwortet. Nach fast einem Jahr Bedenkzeit fand man, „alle Voraussetzungen für eine Auslieferung seien gegeben.“

Damit geht der Kampf weiter. Die Mutter eines sechsjährigen Mädchens, früher linke Gemeinderätin im Baskenland wurde von den spanischen Behörden unter dem Vorwand, sie unterstütze die baskischen Separatisten (ETA) festgenommen, mit einer Scheinhinrichtung (!), mit Vergewaltigung und Folter unsäglich gequält. Sie floh dann in die Schweiz, lebte hier 8 Jahre im Untergrund, wurde am 16.4.2016 verhaftet und ist seither in Untersuchungshaft. Die Demo mit ca 600 Leuten am 24.3.16 verlief friedlich, es wurde aber lautstark protestiert, mit Feuerwerksknallern und Reden vor dem Bezirksgefängnis demonstriert und in einer Rede erneut die Freilassung von Nekane T. gefordert. Anitfaschistische, antikapitalistische und feministische Parolen waren zu hören. Die Polizei verhielt sich defensiv. Es gab vereinzelte Provokationen.

Am gleichen Tag wurde auch in Basel und Bern protestiert.

Amnesty hat Material gesammelt und Berichte über Folterungen in spanischen Gefängnissen gibt es viele. Im Zweifelsfall dürften Gewissensgefangene nicht ausgeliefert werden, wenn sie in ihrer Heimat durch Folter bedroht sind. Ein Mann wurde gleichzeitig verhaftet und ebenso gefoltert, er hat Aussagen gemacht, die sich mit denen von Nekane decken. Diese hat in der Schweiz auch ein Asylver-fahren laufen, hoffen wir, dass die Beamten da ein einsehen haben und die Bedrohte nicht einfach nur blind ausschaffen wollen.

Es muss andere Lösungen geben, Nekane könnte in einem Schweizer Gefängnis die „spanische Strafe“ absitzen und die Untersuchungshaft müsste voll angerechnet werden. Sodann müsste die Reststrafe erlassen werden und Nekane somit bald frei gelassen werden

 

26.3.2017

 


 

 

Déjà vu

 

Aelter werdend, geht es den Lebenden doch so: immer mehr kommt einem

bekannt vor, es gibt kaum noch wirklich Neues unter der Sonne. Wenn man

das noch weiter denkt und an Seelenwanderung glaubt, dann ist das ganze

Leben „déjà vu“. Vielleicht bis zum Tag, an dem die Liebe in unser Leben

einbricht und alles neu erscheint. Déjà vu: grosse Katastrophen, Kriege, in

denen Millionen von Unschuldigen (wofür? wem?) geopfert werden. Tier-

industrie für Massenfleischkonsum, schöne Landschaften, die durch Menschen-

hand zerstört werden. Grosse Ungerechtigkeit, Egoismus und Snobbismus der

Reichen: wie viel mehr davon kann es noch geben bis die Lebensgrundlagen

aller zerstört sind? Das Beispiel Fukushima ist ein déjà vu von Tschernobyl.

Es heisst es sei noch viel schlimmer! Freundesverrat, Gier, Hinterlist und

Betrugsmanöver. Politikergeschwafel. Das Irren der Kirchen und ihrer Verwalter.

Eheszenen—bittere Vorwürfe, Unverständnis, Abrechnungen. In der Kunst,

der Literatur: mit Ausnahmen die ewige Wiederkehr des Gleichen.

Dégout, Ueberdruss kann sich einstellen, Lebensverdüsterung, Rückzug,

Verbitterung.

Aber natürlich gibt es auch Positives: Frühlingswerdung, noch gibt es Blumen,

Bienen. Manchmal Heuduft im Sommer. Ein weinendes, dann lachendes Kind.

Barockmusik, Mozart, Schubert, Beethoven. Meeresrauschen, Meeresbewohner

—aber nicht nur als Speisefisch!, Flow beim Arbeiten, Glücksgefühle beim

Rennen.

Und übrigens, Crosby, Stills, Nash und Neil Young haben 1970 ein Album

„Déjà vu“ getitelt. Sie singen: „I feel like if I had been here before“. Letzterer

hat sich dann aber jenseits von déjà-vus viel weiter entwickelt, hat sich nicht

begnügt damit, déjà-entendus zu produzieren, er ist immer wieder neu zu

entdecken. Seine „Crazy Horse“-Phase: unglaublich, jamais vu!

 

20.3.2017

 


 

Our child

 

So heisst das PC-Programm, das wir in der Computer-Frühzeit gekauft und später immer wieder mit leuchtenden Augen mit den Daten gefüttert haben, die unten ersichtlich sind. Wir haben auch immer die neusten Downloads ausgeführt, zuletzt die Version 7.8.1.23. Das Programm verhiess „perfektes Elternglück durch Parent-Management“ und das „programmierbare Glück des Kindes.“ Zuerst hatten die Angaben zur Person der Eltern zu erfolgen:

Mutter, 24, Lehrerin, blond-braune Haare, grün-goldene Augen, mässig sportlich, etwas verträumt (dies wurde nicht ins Programm eingegeben).

Vater, 26, Sachbearbeiter in einer guten Position. Schwarze Haare, von normaler Statur, erdbezogen, aber handwerklich unbegabt. Extrembergsteiger, ab 35 nicht-mehr-Raucher.

Gross war die Freude über das erste Kind, ein sonniger Junge. Bei der Geburt 53 cm lang, 4.6 kg wiegend, ein guter Durchschläfer, blond, verspielt, mildes Gemüt, unproblematisch zu erziehen, bis zu einem Unfall, der eine Abklärung im Kinder-spital nötig machte: Die Diagnose war unklar.

Er war ein guter Schüler, ein beliebter Kamerad, die üblichen Pubertätsprobleme, schlechte Freunde, heimliches Rauchen ab 14, trotzdem guter Handballer, zog er sich mehr und mehr in sein Zimmer zurück, hatte extreme PC-Sucht, war dann wieder ganze Abende, halbe Nächte unterwegs, (Alkoholkonsum und anderes, was eben seine Freunde auch nahmen), von seiner Mutter verzweifelt stundenlang, aber vergeblich gesucht. Eine erste erschreckende Psychose, Eintritt in die Psychiatrie, Flucht, Rückfälle in Drogenexzesse, Verlust der Freunde und Bekannten, Vereinsamung.

Erschüttert führten wir Eltern diese Details nach, organisierten uns in einer Selbsthilfegruppe, lasen alles, was es über diese Probleme gab, kontaktierten Ärzte, Psychiater, Schamanen und Naturheiler, alles umsonst. Schon etwas zweifelnd notierten wir noch den Namen der ersten Liebe unseres Sohnes, schon bald ging das in die Brüche, weitere Linien blieben im Programm in dieser Rubrik leer.

Er lernte alle psychiatrischen Zentren unserer Region kennen (und wir mit ihm bei Besuchen): Brandweid, Hohenfluh, Wannburg, Grünau und Brick. Dann gab es einen Versuch mit begleitetem Wohnen, der scheiterte, dann wieder Psychiatrie, dann eine im ersten Jahr abgebrochene Berufslehre, einige Monate eine eigene Wohnung (Rollläden immer verschlossen, Matratze am Boden, ein kleines Möbel aus dem Brockenhaus, herumliegende Kleider, Zigarettenschachteln). Wieder Psychiatrie. Dort Tod mit 28, an einer Überdosis von Drogenersatzstoff, Dosierung durch das Personal. Unsachgemässe Einnahme durch den Patienten?

Wir werden es nie wissen. Verlust des Programms Our child  im Computer bei einem Systemabsturz.

 

 19.3.2017

 


 

Alzheimer

 

Der Name dieser Krankheit, nach seinem Entdecker genannt, lässt

uns erschaudern, wenn wir an die Konsequenzen dieser möglichen

Entwicklung denken, die Gehirne zerstört. Wer das bei Bekannten oder

in der Familie erlebt hat, bekommt das Gruseln noch etwas stärker zu

spüren. Besuche in der Demenzabteilung einer Institution ergeben

Anschauungsmaterial, das uns zu denken gibt. Zum einen kann man

die unglaubliche Aufopferung von Pflegenden beobachten, seien es

Familienangehörige oder Profis. Da gibt’s einen Mann, der fast den

ganzen Tag weint, und immer dasselbe wiederholt. Ein anderer ist

stumm, lächelt die meiste Zeit, ist ansprechbar, sitzt den ganzen Tag

in der Runde mit den Frauen zusammen. Diese sind sehr unterschiedlich

unterwegs. Da ist eine, die den ganzen Tag schimpft, die anderen

beschimpft und nichts anderes mehr zustande bringt. Da sind die-

jenigen, die Bewegungsdrang haben, in der geschlossenen Abteilung

den ganzen Tag unterwegs sind, Runden drehen, aber auch noch

feinste Schwingungen der Gruppen- oder Einzeldynamik mitbekommen.

Und da war diese Frau, die allen immer Komplimente machte, aber

auch darauf hinwies, dass die Behandlung in der Abteilung schreck-

lich sei. Alle wollen in einer gewissen Phase abhauen, verständlich,

aber die Türen sind verschlossen. Das Unterhaltungsprogramm besteht

aus Animationsversuchen, dem Fernseher, der oft den ganzen Tag

läuft, obwohl niemand hinschaut und—grauenhaft—Volksmusik!

Ganz verschieden sind die Abbauphasen, es gibt Patienten, die noch

recht gut Dinge erinnern können, andere wissen die Namen der sie

Besuchenden nicht mehr.

Gerade neulich war zu lesen, an der ETH Zürich sei es gelungen, ein

vielversprechendes Mittel zu entwickeln, das in ein paar Jahren sehr

erfolgreiche Heilungschancen biete. Gestern auf dem Internet habe

ich einen Geschäftemacher abgehört, der behauptet, die Lösung für

das Problem gefunden zu haben. Zunächst verzapft er aber eine

Viertelstunde unnötiges Zeug. Dann gibt er an, dass Kokosnussöl Teil

einer Kur sei und der andere indische Küche, Gemüse und diverse

Zutaten, die Alzheimer heilen könnten, so wie seine eigene Frau und

andere, die sich als Versuchspersonen gemeldet hatten und davon

begeistert waren. Es müssten nur im Körper wieder vermehrt Ketone

gebildet werden und das Problem sei gelöst. Und mit einem Arzt

zusammen hat der Lehrer ein „Memory Repair Protocol“ geschaffen,

das die oben genannten indischen Zutaten enthält. Seine Glaub-

würdigkeit ist aber fraglich, weil er behauptet, die Pharmaindustrie

würde nur Mittel herstellen, die nicht helfen würden, sondern sogar

noch schadeten. Und seine Webseite sei in Gefahr, da auf der gegen-

seite ein Billion-Dollar-Geschäft nichts unversucht lassen werde, um

ihn vom Netz fernzuhalten.

 

5.2.2017

 


 

On love

 

Love/Liebe/amour/amor/amore—darüber ist nun weiss Gott schon genug geschrieben worden. Das stimmt, aber es ist halt doch so, dass vielen Autoren    die besten Texte zu diesem Thema gelungen sind. Der Fallstricke und Verwicklungen sind viele. Theorie und Ratgeberliteratur gibt es genug!                   Von Ovid über Shakespeare und Stendahl zu Nabokov finden wir in der Weltliteratur viele Vordenker. Aber alles ist umsonst, wenn es darum geht, die Theorie in die Praxis umzusetzen. Nun hat sich aber mit Alain de Botton ein Zeitgenosse des Themas auf eine neue Weise angenommen. In seiner „Kritik der romantischen Liebe“ spricht er pragmatisch über Alltagsprobleme und Langzeit-beziehungen, was da meist nach den ewig gleichen Mustern schief läuft. Auf uTube findet sich diese höchst amüsante „Vorlesung“, die nur so trieft vor Ironie:

 

https://www.youtube.com/results?search_query=alain+de+botton+on+love

 

De Botton erklärt uns alle als Nachfahren und Opfer einer relativ jungen Idee, der romantischen Liebe. La Rochefoucault soll gesagt haben, dass „eine ganze Reihe von Leuten sich nie verliebt hätten, wenn sie nicht von dieser Idee vorher gehört hätten.“ Seelenverwandte Wesen finden sich und erwarten, dass dadurch alle Probleme des Lebens gelöst wurden. Verliebte seien gefährlich, abnormal und    dieses Lebensgefühl sei ansteckend. Kritik in Beziehungen würde immer intensiver und die Betroffenen reagierten darauf mit Unverständnis, da niemand sonst solche Kritik am Betroffenen übe. Die Psychoanalyse sagt, die Liebe gebe uns Gefühle unserer Kindheit zurück. Es ist ein Problem in einer Beziehung „sich selbst sein zu wollen“, das müsse um jeden Preis vermieden werden, so de Botton. Auch sexuelle Ideen und Praktiken könnten sehr problematische Folgen für die Beziehung haben.

Ehrlichkeit und romantische Liebe seien natürliche Gegensätze. Kaugeräusche beim Morgenessen könnten bereits eine gehörige Missstimmung in den Tagesablauf der beiden Verliebten bringen. Die alten Griechen hätten eine viel bessere Ansicht über die Liebe gehabt, Liebe sei eine Anziehungskraft, Perfektion, Erfüllung und Pflichterfüllung gewesen. Man ist dann aber tolerant gegenüber Imperfektion, Andersartigkeit, Verletzlichkeit, Zerbrechlichkeit. Die romantische Liebe ist da ganz anders, es gibt nur die ganzheitliche Liebe, keine Fehler, eitel Sonnenschein in der Beziehung. Und die beiden Partner wissen dann nichts anderes, als einander zu erziehen nach dem vorgefassten Bild des Partners oder der Partnerin. „Why are we such bad hysterical teachers in love?“ De Botton hat die Antworten, tongue-in-cheek. Wir müssen die Liebe neu erfinden, mit einem „therapeutischen Gerüst“ und einem neuen „Kurrikulum der Liebe“: Partner sollten sich wie Kinder behandeln da wir alle ja im Innersten Kinder seien. Alles was nötig ist gemäss de Botton: Wir sollten grosszügig sein gegenüber unseren Partnern und den Königsweg beschreiten: Humor ist lebenswichtig für die Liebe und unsere Geliebten als   „loveable idiots“. Pessimismus sei angebracht und die viel bessere Strategie als immer nur romantisch zu turteln.

 

 22.2.2017

 


 

Ironie und Paradox 

 

Irgendwann in Literaturstudien befasst man sich mal mit rhetorischen

Figuren. Faszinierend, aus antiken Zeiten kommen die her, die Griechen

und Römer kannten sie schon. Es gibt Dutzende, man muss nicht alle

kennen oder schon gar nicht alle verwenden. Die Ironie allein ist jedoch

schon eine ganz patente Sache. Die Steigerungsformen Sarkasmus und

Zynismus sind oft auch befreiend, aber nicht so subtil. Ungebildete oder

junge Menschen verstehen die Ironie oft nicht. Ja eben, weil ja genau das

Gegenteil dessen gesagt wird, was gemeint ist. Nur der Ton, der Blick

oder eine Geste der sprechenden Person zeigt an, dass die Aussage

ironisch gemeint ist. Der Ironiker bespöttelt etwas, zeigt gleichzeitig an,

dass er nicht das kritisierte Problem hat, steht etwas abseits oder erhöht

und betrachtet amüsiert die Bespotteten. Comedy und Kleinkunst leben

davon, Satire ebenso, auch Witze und andere Humorformen bedienen sich

seiner. Die Krone der Wirkung erzielt aber der Miteinbezug der ironi-

sierenden Person. Mladen Dolar hat folgendes Beispiel zitiert:

„Nietzsche: Gott ist tot. Gott: Nietzsche ist tot. Gott: Und ich fühle mich

auch schon nicht so gut.“ (göttliche Selbstironie)

Einen schönen Präsidenten haben sie da gewählt in den USA. Er scheint

nicht ironiefähig zu sein, versteht solche nicht, sein Zorn könnte sich

dadurch erklären.

Das Paradoxon (griechisch) meint eine Aussage, die der landläufigen

Meinung widerspricht. Oscar Wilde war ein Meister des Fachs. Hier

Beispiele: „Zeit ist Geldverschwendung“, „Wir leben in einer Zeit, in der

unnötige Dinge unsere einzigen Notwendigkeiten darstellen.“

„So paradox dies scheinen mag: es ist nichtsdestotrotz wahr, dass das

Leben die Kunst viel stärker imitiert als umgekehrt.“ „In dieser Welt gibt

es nur zwei Tragödien. Die eine ist nicht das zu finden, was man sucht,

und die andere ist es zu bekommen.“

Der grosse Nietzsche, zehn Jahre früher geboren als Wilde, beide

verstarben 1900, war gleichzeitig damit beschäftigt, „die Werte umzu-

werten“, in Jenseits von Gut und Böse und in der Genealogie der Moral

verwendete er neben Ironie auch Paradoxe. Er wagte es, das Gegen-

teil der üblichen Annahmen zu treffen und stiess so auf unerhörte neue

Erkenntnisse. Er tat dies fast rauschhaft, mit grossem Ernst, aber auch

mit einer guten Prise Humor (Kein Paradox, gemäss Nietzsche).

„Die liebliche Bestie Mensch...“ ist eine fast zu nette Umschreibung

des menschlichen Wesens. Nietzsches Nihilismus ist an sich ein Paradox:

„Die Abwesenheit von Bedeutung bekommt trotz allem eine Bedeutung.“

(Hegarty)

 

20.2.2017

 


 

„Halt auf Verlangen: ein Fahrtenbuch“ Urs Faes 2017

 

Dieser sehr persönliche Text, der auf eine Art eine Lebensbilanz zieht, ist auch ein Vermächtnis darüber, wie eine Lebenskrise schreibend vielleicht besser bewältigt werden kann. Mit Lyrik, Selbstironie und Humor schafft es der Autor, das Unabwendbare zu bewältigen. Schicksalshafte Tramfahrten sind der äussere Rahmen, Erinnerungen der Inhalt dieses dichten Gewebes, mehrere Zeitebenen gut verwoben, Schnitte, die überzeugen, fast filmisch wirken. Autobiographisch ist vieles und läuft auf zwei Schienen: Wie aus einer anderen Welt, Tramfahrten mit dem Vater des Erzählers, im ländlichen Bereich, mit Ortsnamen, die sich Kennern der Autor-Biografie leicht erschliessen, aber fiktiv sind. Dieser war Tramführer und tragisch Verstummter, der nur noch hustete und 16 Jahre im Bett lag. Der kleine Bruder des Erzählers nennt ihn darum „Vaterfisch“, der „Kleine“, leicht behindertes Kind, das aber oft das Richtige sagt oder tut. Dann auf 40 Tramfahrten zur onkologischen Bestrahlung an der Klinik Balgrist am anderen Ende der Stadt. Gegen siebzig, sieht sich der Autor-Erzähler mit der Diagnose Krebs konfrontiert. Die Strahlentherapie konzentriert sich auf ein „Killing Field“ auf der Bauchgegend. Die Fahrten dahin sind von erhöhter Aufmerksamkeit geprägt. Er empfindet die Mitreisenden fast ausschliesslich in ihre Smart-Phones und Tablets vertieft, bemerkt noch einen anderen Bücher Lesenden, fast anachronistisch, so scheint es ihm bedauernd.

Seine Erinnerungen, die Geschichten von Frauenbekanntschaften und Beziehungen aus dem ganzen Leben, auch in seinen Romanen teilweise fiktiv bearbeitet, sind in einer solchen Situation ein Gegengewicht gegen die medizinische Einöde, ein Palliativ gegen den Weltschmerz und die konkrete Bedrohung durch die Krankheit, mit 70% oder 85% Heilungschancen, wenn ein zusätzliches Antimittel mit vielen Nebenwirkungen eingenommen wird. Das Trauma des zu oft Verlassenen kommt immer wieder zum Ausdruck. Gleichzeitig aber ist das Verlangen nach Zweisamkeit und Erfüllung in Anbetracht der lebensbedrohlichen  Situation ungebrochen, die Erinnerungen brechen immer wieder auf. Das (ewig) Weibliche ist dabei das „Trostelement“ im Männerleben, auch und gerade in schwierigen Lebensphasen wie hier beim Erzähler. Die Erinnerung an erste Liebe, gemeinsame Kinobesuche und Zeiten oder Nächte des Zusammenseins ergibt ein leidenschaftliches Liebesalphabet, wobei die Namen Mile (Emilie) und Meret sogar den gleichen Anfangsbuchstaben haben und manchmal fast austauschbar scheinen. Allesamt sind die Gefährtinnen, Partnerinnen, Verehrten und Geliebten doch eine kleine Schar, aber es sind nicht unüberschaubar viele.

In der Abteilung für Onkologie im 2. UG im Balgrist sind die Pflegenden dann unter „Frau Abiszett“ witzig zusammengefasst, anonymer als im Leben ausserhalb der Spitalmauern, auch austauschbar und minimale Projektionsflächen für das männliche Begehren nach weiblicher Gesellschaft, aber auch Wesen, die besondere Merkmale aufweisen, den Sensiblen sanft oder dann auch mal ungeduldig anfassen, die Haare mal hochgesteckt, dann wieder nicht, Augenpaare, weisse Berufskleidung und nur einmal sind es Männer, welche die Bestrahlung durchführen. Die Thematik der onkologischen Behandlung war schon in „Paarbildung“ (2010) das Thema, aus Interesse an der Kommunikationsqualität bei Behandlungen, und jetzt betrifft es den Erzähler selbst.

Dies ist ein wunderbares, zutiefst menschliches Buch, ein Versuch, Krankheit und Verlust schreibend zu therapieren und auf diskrete Weise unaufdringlich Bilanz zu ziehen.  Das „Fahrtenbuch“ ist auch ein „Fährtenbuch“, die Spurensuche nach fiktiven Verarbeitungen ist gut angelegt im Text. Nach Erlebnis, fiktiver Darstellung hier ein drittes Mal die Liebe besingen und gleichzeitig eine Anklage gegen die Fragilität des menschlichen Daseins einbringen ist schon bewegend und unvergleichlich.

 

3.2.2017

 


 

Hommage à Alex Sadkovsky (13.1.2017)

 

Vita

Alex Sadkowsky wurde 1934 in Zürich geboren. Er ist Multimediaschaffender: Malerei, Zeichnung, Radierung, Lithografie, Grafik, Fotografie, Film, Skulptur, Texten,

Prosa und Lyrik. 1967 zog Alex Sadkovsky mit Familie an den Lindenhof in Zürich.

Heirat mit Sonja 1957. Schweizerbürgerrecht 1969. Lange Aufenthalte und Reisen

in Spanien, Indien, Irland, England, Italien, Türkei, Griechenland, Russland (mit Max Frisch), Mexico, USA, Guatemala, Deutschland, Portugal, Burma und Thailand.

Zahllose Ausstellungen u.a. eine Einzelausstellung im Kunsthaus Zürich, Lesungen aus seinem Prosa- und Lyrikwerk.

 

Werke

„The Song of the Police“ 1962

„Kofferraum der Welt“ 1971

„Foto-Bio-Kultografie 1“ 1975

„Metamorphosen der Wirklichkeit“ (Monografie über AS) 1980

„Frauenleben 1“ 1980

„Der Titel“ 1991

„Foto-Bio-Kultografie 2“ 2009

 

Die „Chinesische Wespe“ ist eine grosse Romantetralogie. Sie umfasst ca. 2000 Seiten. Band 1 2002 Band 2 2004 Band 3 2007 (?). Ein vierter Band war geplant,

wird aber nicht mehr erscheinen.

 

„Die Munterkeit des Galans auf dem Glatteis“ (Gedichte) 1992

„Ich warte auf den ewigen Sommer (Gedichte) 2007

„Lindenhof“ Gedichte und Kurzprosa 2010

„Der Titel II, EIN TITELROMAN“ 2014

 

Motto

Jeden Tag stelle ich meinen sieben Fenstern eine Frage. Schon öffnen sie sich und wärest du zugegen, dein Herz würde Sternen.

Dada-Gedicht (AS nennt es „ein firmeninternes Weihelied“):

 

Bru lef tolohu,

Sring kran fig tot rumuu,

Regnleim zi delpo rung,

Zwak kruni pino bung,

Lamgor uz fla vrala,

Trum zignall lu rara.


Die chinesische Wespe 2, S. 89

 

Bildschaffen

 

www.alexsadkowsky.ch

 

Music (by Zurich musicians):

 

Wolfman

Fai Baba

 


 

Liebesjahre (2011)

 

Obviously the couple who got divorced ten years ago are ill at ease with each other on the day when they are going to sell their former home, in which they had raised two daughters. Vera (Iris Berben) plays the role of a woman who is totally disillusioned superbly well. Her sarcasm gives those viewers the shivers who have gone through similar experiences themselves. Her ex- husband Uli (Peter Simonischek) a run-down and not-so successful architect would like to come to terms or even romanticize their long-gone marriage years, but is a bit naive and clumsy. He brought along his new partner Johanna (Nina Kunzenberg) a medical doctor from a well-to-do family. Uli had not mentioned his new marriage with much younger Johanna to his ex-wife. So Eva really dislikes her from the start. Eva did not want her new companion Darius to show up but he did, " to support her". Both work in a theater. Uli has strange ideas about removing all the old furniture from the huge house and Johanna refuses to go along with this, especially when he wanted to save Eva's wedding dress as well.

 

Written for IMdB

 

11.1.2017

 


 

Black, then „White“

 

They had Bushes, then Obama and now this... American presidency elected Clinton, but the unequal weighting of the votes brought this result which we still can’t believe became true. Malapportionment has happened in the 2016 elections, Russian interference, media moguls churning out lies in their media more massively than ever. Black, then white. Dirty white. Even before that guy starts he has broken so much glass, that four years would not suffice to clean up the mess. It’s as if Obama’s politics were in colour and now it’s back to black and white! One hates to even type/say his name! Despite the Republicans’ preventing great Obama ideas in both houses of parliament, obstructing and gerrymandering whatever he came up with, his achievements at the end of the day are more than this oligarch giant dwarf can even understand. In December 2016 unemployment fell to a nine-year-low of 4,6%. This was hardly mentioned in the news.

In the book of faces of the American presidents on Mount Rushmore Obama would deserve a fine portrait, his successor not even a pebble. Obamacare shows that this president really cared about the well-being of the American people. He believes in change management: „Change requires more than just righteous anger. It requires a program and organizing.“ That he continued warfare in half a dozen countries and chickening out of the Syrian problem are his greatest flaws.

Regarding Trump: His physiognomy clearly shows the outflow of hatespeech, regardless of what he says. Meryl Street is right: „Disrespect invites disrespect. Violence incites violence. When the powerful use their position to bully others, we all lose.“ He then calling her „one of the most overrated actresses.“ His only quali-fication for delivering this judgement are his own appearances in a tv series.

 

10.1.2017

 


 

Die „Fröhliche Wissenschaft“/Kunst

 

Was tönt wie ein Widerspruch, ein Paradox ist eine Idee,

die aus Nietzsches Feder stammt: „la gaya scienza“ ist

ursprünglich eine Bezeichnung, die mit „the art of poetry-

writing“ übersetzt werden könnte. Wir können den Titel

aber auch als ein Beispiel für die „Umwertung aller Werte“

bei Nietzsche nehmen. Er nannte es „sein persönlichstes

Buch“.

Die Wissenschaft hat sich seit jeher mit Seriosität gebrüstet,

Ernsthaftigkeit ist ihre Kardinaltugend. Humor gilt als das

Gegenteil der Wissenschaftlichkeit, aber nicht bei Nietzsche.

Vielleicht ist Humor sogar die wichtigere Disziplin für die

Menschen. Fröhliche Wissenschaftler? Ausser Einstein fällt

mir gerade keiner ein und auch er blickt meistens grimmig

hinter seinem Schnauz hervor, wie übrigens Nietzsche auch.

In der Frühzeit der Fotografie und in der ersten Hälfte

des 20. Jahrhunderts gab es den Zwang zum Fotolächeln

noch nicht, die Würde gebot es, streng oder zumindest

ernsthaft dreinzuschauen.

Folgendes Motto ist dem Buch (1862, 1867) vorangestellt:

„Ich wohne in meinem eigenen Haus,

Hab niemandem was nachgemacht

Und—lachte noch jeden Meister aus

Der nicht sich selber ausgelacht.

(Über meiner Haustür)“
Überhaupt: das Lachen, ein dionysisches Grinsen bei

Nietzsche, ein zarathustrisches Lächeln, ein Lachen,

das an den Berghängen im Engadin wohl widerhallte.

Ernsthafte Wissenschaft (übrigens auch Kunst, Religion)

hat mit Humor nichts zu schaffen, ja dieser ist geradezu

die Aufhebung seriösen Forschens, Kunstschaffens oder

Glaubens. Also fast ein Ding des Teufels.

Wir können davon ausgehen, dass Nietzsche zwar als

Philosoph durchaus wissenschaftlich arbeiten konnte, dass

es ihm aber in der hergebrachten Form nicht zusagte.

Im Vorwort zur zweiten Ausgaben (1867) witzelte er:

„Wir sind keine denkenden Frösche...“ Auch die Kunst kam

ihm zu verklemmt daher. Und er schreibt, dass „wenn wir

Genesenden überhaupt eine Kunst noch brauchen, so ist

es eine a n d r e Kunst—eine spöttische, leichte, flüchtige,

göttlich unbehelligte, göttlich künstliche Kunst, welche wie

eine helle Flamme in einen unbewölkten Himmel hinein

lodert! Vor allem eine Kunst für Künstler, nur für Künstler.

Wir verstehen uns hinterdrein besser aus das, was d a z u

zuerst not tut, die Heiterkeit, j e d e  Heiterkeit, meine

Freunde, auch als Künstler...“. Vielleicht schwante Nietzsche

so was wie Dadaismus vor. Aber auf jeden Fall ist freudloses

Wirken abzulehnen: „Lieber zugrunde gehen wollen,

als ohne Lust an der Arbeit zu arbeiten.“ Das ist

alles. Danke Friedrich! Und posthum soll ihm der

Orden wider den tierischen Ernst verliehen werden.

7.1.2017

 

 

Farmers: You pesticide us!

 

Of course this title contains a noun that is not used as a verb yet, but I see an urgent need for that usage.  And this songtitle was not meant to convey what I am hinting at in this context: "Killing me softly...". Yes farmers in industrialized farming are killing you and me kind of softly, but certainly. Pesticides, insecticides, herbicides, fungicides and rodenticides are sprayed on everything:  apples are sprayed 17 times per year: I saw this actually happen where we lived and I thought  that farmer was especially obnoxious, but this is the average number of annual sprayings per farmer. 2200 tonnes of pesticides etc. sprayed in Switzerland every year. So actually everything we eat is contaminated. Unless you insist on bio products. And farmers are reportedly not complying to official standards or limits. And then they say it's impossible to do without chemicals and bio farmers are allegedly cheating. Monsanto, Bayer and Rovagro (Switzerland) offer potent products that not only kill what they say but also bees and in the end us. It is sick that the tax payer even contributes to funding farmers who do not care at all about the outcome of what they are doing as long as they can sell their products.                                      Wine production is the second-biggest field of chemical spraying of poisons with an average of 10 applications per year. Some of it is dispersed from small aeroplanes. And they call this traditional as opposed to biotic wine production. Most wine merchants snigger when thy are asked whether they also offer biotic wines. The market however has a growing number of such healthier grape juice on offer. Testing both kinds I feel that biotic wines do not give me headaches, dry mouth experiences during the night after consumption or hangovers on the next day. All wines contain sulphur, even bio wines. This is correct, but the difference is in the quantity sprayed and in the use or non-use of other homicidal (again a word probably not normally used in such contexts) substances. A connaisseur of the wine-business has said however that there is a massive swing towards more responsible and less polluting ways of wine production in France. Switzerland also has a number of pioneers doing a better job, santé (!!!), cheers, to your health, sloncha, nasdororovje!

 

10.11.2016

 


 

 

 

 

 

 

       

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